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Der Zimmermann Jörg Hofmann, ein historisches Verwirrspiel.

 

 

Auf der Fährte des berühmten Zeilers fand Heinrich Weisel mehrere Männer gleichen Namens.

 

In einem Vexierspiel lernen Kinder schon früh, daß ein Bild zwei verschiedene Ansichten enthalten kann. Als sich der Zeiler Heimatforscher Heinrich Weisel vor Jahren ganz harmlos auf die Suche nach seinen Vorfahren in Zeil begab, entdeckte er plötzlich ein hochinteressantes Vexierspiel in geschichtlicher Tiefe, das heute - auch in der offiziellen Forschung - eine völlig neue Sichtweise auf den berühmten Zeiler Zimmermann Jörg Hofmann zuläßt.

 

Seit 1988 widmet sich Weisel der Familienforschung und ist durch einen eigenen Vorfahren quasi "in die Zeiler Steinhauerszene reingerutscht", wie er dem FT berichtete. Die Zeiler Steinhauer waren in ihrer Zeit sehr berühmt, und Weisel ist immer noch dabei, die Verhältnisse bei den Namen, der Herkunft und die beruflichen Spuren im 17. und 18. Jahrhundert zu klären. Eine zeitraubende Arbeit, denn Wissen hierüber läßt sich nicht einfach in Geschichtsbüchern nachlesen, sondern ergibt sich quasi aus einer Vielzahl von Quellen: Kirchenbücher, Ratsprotokolle,Rechnungen, Zunftbücher und vieles mehr. Hinzu kommt, daß vor einigen hundert Jahren eine beinahe völlig andere Sprache gesprochen wurde als heute. Es gab keine einheitliche Rechtschreibung; vielfach wurden Namen einfach nach dem Gehör niedergeschrieben, versehen mit lateinischen Zusätzen für Familienstand und Beruf.

 

Faszinierend wirkte auf Weisel die Bauszene des Barock und die Rolle der Zeiler darin. Die Zeiler Steinhauer pflegten Verbindungen zu den damals höchsten Stellen im Lande, "äußerst interessant", wie Heinrich Weisel findet. Dabei stieß er auf seine "Jörg-Hofmann-Geschichte", von der jetzt die Rede sein wird.

 

Es begann damit, daß Weisel den Spuren des Zeiler Steinhauermeisters "Görg" (wie "Jörg" eine mundartliche Kurzform für den Vornamen "Georg") Hofmann folgte. Dieser hatte geschäftliche Beziehungen nach Bamberg und tauchte auch in den Zeiler Zunftbüchern auf. Hier und in den Bamberger Zunftbüchern fand Weisel immer wieder verschiedene Schreibweisen des Jörg Hofmann. Auf der Suche nach weiteren Informationen über seinen Steinhauer Jörg Hofmann "stolperte" Weisel ständig über den Zimmermann Jörg Hofmann. Wo Weisel nachblätterte, in Zeiler Kirchenbüchern, Ratsprotokollen oder Gotteshausrechnungen, immer wieder tauchte ein Jörg Hofmann auf, entweder mit dem Zusatz "Zimmermann" oder "Steinhauer"."Mir war bald klar: Das müssen zwei sein", sagt Weisel rückblickend. Doch in den wissenschaftlichen Publikationen fand er nur e i n e n Jörg Hofmann, Zimmermann u n d Steinhauer.

 

Neugierig geworden, stöberte Weisel in den Archiven und wurde fündig: Denn er grub weitere Jörg-Hofmann-Namensträger aus, die alle in Zeil lebten, beinahe zur selben Zeit. So tauchten auf: Jörg Hofmann, der Mühlenpächter; Jörg Hofmann, genannt der "Vorstätter" (wohl weil er in der Vorstadt wohnte), sowie weitere Namenszwillinge, die, wie die Quellen eindeutig belegen, in Krum und in Schmachtenberg beheimatet waren. Alle zusammen (mit Steinhauer und Zimmermann) ergeben nach Weisels Rechnung sechs "Jörg Hofmann", die im Raum Zeil von 1679 bis 1738 gelebt haben müssen! Doch in der Fachliteratur: Fehlanzeige! Hier war immer nur die Rede von dem e i n e n berühmten Jörg Hofmann, Zimmermann u n d Steinhauer. Ein Standardwerk (Karl Sitzmann, "Künstler und Kunsthandwerker in Ostfranken", 1957), nennt als Geburtsdatum das Jahr 1663 und als Sterbejahr 1734.

 

Jetzt begann für Heinrich Weisel die Zeit der Suche nach Beweisen für seine Meinung, der Zimmermann Jörg Hofmann und der Steinhauer Jörg Hofmann sind zwei verschiedene Personen. Das angegebene Todesjahr des Jörg Hofmann fand Weisel: Am 24. Oktober 1734 verstarb, so steht es im Zeiler Kirchenbuch, Johann Georg ("Görg") Hofmann, "civis et lapicida", wie der Pfarrer lateinisch hinzusetzte: "Bürger und Steinhauer".

 

Gestützt durch Sitzmann war also Hofmann, dem Zimmermann, alles zugeschrieben worden, was bis 1734 an Fachwerk und Holzarbeiten in der Forschung beleuchtet wurde. Berühmt ist Jörg Hofmann durch drei Bauten, an denen seine Initialen zu finden sind: dem Fachwerkhaus in der Zeiler Hauptstraße, in dem heute eine Bank untergebracht ist ("JHZ" für Jörg Hofmann Zimmermann), dem Dillig'schen Haus in Scheßlitz ("JHZvZ" Jörg Hofmann Zimmermann von Zeil) und dem dritten, dem Rathaus von Burgkunstadt, das ebenfalls nachweislich von Jörg Hofmann gebaut wurde ("JHMZvZ" Jörg HofMann Zimmermann von Zeil).

 

Im Bamberger Stadtarchiv liefen sich schließlich Heinrich Weisel und der Oberkonservator am Landesamt für Denkmalpflege in Schloß Seehof, Dr. Reinhard Gutbier, über den Weg. Auch Gutbier hatte sich schon intensiv mit dem Zeiler Zimmermann beschäftigt. In seinem Aufsatz "Zeil und Königsberg - Zwei Fachwerkstädte im Vergleich" untersuchte Dr. Gutbier viele Zeiler Häuser quasi "auf Herz und Nieren"; ebenso die Gestalt des Jörg Hofmann als führenden Zimmermeister in Zeil. Angesprochen auf das Todesdatum und die unterschiedlichen Namensträger bestätigte Gutbier die Vermutung Weisels, es könne sich bei dem berühmten Jörg Hofmann um zwei Personen handeln, einen Zimmermann (den "hölzernen") und einen Steinhauer (den "steinernen").

 

Dr. Gutbier gab Weisel den Hinweis, in den Kirchenbüchern von 1714 oder 1715 nach dem Todestag des Zimmermanns zu suchen. Und im Zeiler Kirchenbuch fand Weisel tatsächlich den 15. Mai 1714 als den Todestag eines Johann Georg Hofmann - allerdings ohne jeden Zusatz. Nun hatte es, stellte Heinrich Weisel fest, im April dieses Jahres einen Pfarrerwechsel gegeben: Er vermutet, daß der neue Pfarrer die unterschiedlichen Jörg Hofmanns im einzelnen nicht kannte, daher kein Zusatz.

 

Daß es einen Jörg Hofmann mit dem Zusatz "Zimmermann" bis 1714 gegeben hat, belegen nach Weisels Untersuchungen zahlreiche Einträge, denn dieser hatte sich - das gab es eben früher auch schon - Kapitalien geliehen, und zwar beim Bürgermeisteramt und beim Gotteshaus; hierfür waren jährlich Zinsen zu zahlen, was gewissenhaft vermerkt wurde. Ab 1715, und das dürfte ein sicherer Beweis sein, fand Weisel sowohl in den Aufzeichnungen des Bürgermeisteramtes wie in den Gotteshausrechnungen jeweils den Eintrag "Jörg Hofmann Zimmermann Erben". Da der ortsansässige Stadtschreiber die Bücher geführt hat, darf man bei ihm das Wissen um die verschiedenen Namensträger voraussetzen. Fazit: Der Zimmermann Jörg Hofmann starb im Jahr 1714, der Steinhauer Jörg Hofmann 1734.

 

Die Geschichte wird spannend, denn mit der Erkenntnis, daß der Zimmermann früher als angenommen gestorben ist, muß auch Forschungsliteratur überarbeitet werden. Die Bauten zwischen 1714 und 1734, die bisher dem berühmten Zimmermann zugeschrieben worden sind, kann dieser nicht ausgeführt haben. Das betrifft etwa das bekannte "Uhrmacherhaus" in Königsberg, das die Jahreszahl 1733 trägt - aber keine Initialen des Jörg Hofmann. Doch die Fratzen und Gesichter dort sind ähnlich denen am Zeiler Haus in der Hauptstraße. Hat dieses Königsberger Haus nun eventuell einer der beiden Söhne Hofmanns gefertigt? In keinen Unterlagen gibt es hierfür bisher Hinweise.

 

Heinrich Weisel gab sich mit diesem ersten entscheidenden Ergebnis nicht zufrieden; er verfolgte zunächst die Spur des "steinernen" Jörg weiter. Woher kam er? Dafür gibt es Belege: Er stammt aus der Pfarrei Rothenkirchen bei Pressig (heute Landkreis Kronach), wo er geboren wurde. Als Maurer und Steinhauer ging er bei dem Zeiler Meister Melchior Kurtz in die Lehre. Kurtz war seinerzeit ein bekannter Mann; er fertigte u. a. auch die Pläne für die Zeiler Pfarrkirche an.

 

Den Frankenwälder Hofmann hielt es in Zeil: Er heiratete (als Steinhauer eindeutig in den Unterlagen definiert) am 16. Januar 1691 die Barbara Rügheimer und wohnte in der Speiersgasse. Auch dieses Heiratsdatum ist, berichtet Weisel, in verschiedenen Publikationen dem "hölzernen" Jörg zugeschrieben worden. Es mag vielleicht nur ein kleiner Trost sein, für die die irrten, doch selbst die Zeiler hatten ihre Probleme mit der Namensvielfalt: So fand Weisel einen weiteren Beweis für die "Zweiheit" im Zeiler Ratsprotokoll vom 27. September 1698: "Geörg Hofmann Zimmermann und Geörg Hofmann Steinhauer haben ihre gebuhrtsbrief ufgeleget welche abgelesen, guth befunden und in die Repositur geleget worden". Allem Anschein nach, so liest sich hieraus ab, gab es selbst im Rathaus Unklarheit und Personenverwechslungen, weshalb die beiden "Hofmänner" aufgefordert wurden, zu kommen und ihre Geburtsurkunden vorzulegen. Und das, obwohl sie beide schon seit Jahren in Zeil lebten. Leider ist die Geburtsurkunde und damit der Herkunftsnachweis des "hölzernen" Jörg nicht erhalten geblieben.

 

Bis heute ist nicht bekannt, w o der Zimmermann Jörg Hofmann geboren ist: Zum ersten Mal taucht der später so berühmte Mann auf in Zeil, als 1679 das Bamberger Regiment unter Kommandeur Wilhelm Weigand von Falckenstein nach Zeil kommt. Ein Teil des Bamberger Dragonerregiments lag wohl hier im Winterquartier, denn Kriegshandlungen fanden nur während der wärmeren Jahreszeit statt. Jedenfalls zog es den damaligen Soldaten Jörg Hofmann wieder nach Zeil zurück, dorthin, wo er eine gewisse Christina Culmann kennengelernt hatte: Am 30. Januar 1680 wird nämlich ein Mädchen namens Eva Klara geboren und als Mutter ist Christina Culmann eingetragen. Eva Klara ist die, so das damalige Amtsdeutsch, "illegitima filia" des "milites" (Soldaten) Jörg Hofmann. Der tut, was Recht ist und legitimiert seine Tochter bald als ehelich in einem Ehevertrag mit Christina. Die Heirat ist am 12. Februar 1680 eingetragen. Jörg Hofmann muß dabei offensichtlich nicht (es findet sich kein Hinweis darauf) seine Geburtsurkunde vorlegen, denn bei der näheren Bestimmung des Bräutigams genügt dem Schreiber die Definition des Jörg Hofmann als "miles sub Wilhelmo Wigando de Falckenstein". Ein Soldat galt in damaliger Zeit quasi als Amtsperson und war somit genügend ausgewiesen. Wieder kein Hinweis auf Geburtsjahr und Herkunft.

 

Es spricht für die Gründlichkeit von Heinrich Weisel, daß er auf Rat von Dr. Gutbier in Staatsarchiven nach militärischen Unterlagen suchte, um doch etwas über die Herkunft des späteren Zimmermanns Jörg Hofmann herauszufinden. Bis ins "Geheime Staatsarchiv Preussischer Kulturbesitz" in Berlin kämpfte sich Weisel vor, ohne Erfolg. Doch soviel kann festgehalten werden: Wenn es sich (erwiesenermaßen) um einen Soldaten aus einem Bamberger Regiment handelt, dann wurde der junge Jörg Hofmann mit großer Wahrscheinlichkeit aus dem Hochstift Bamberg rekrutiert.

 

Einen anderen Hinweis auf die Herkunft des Jörg Hofmann, Zimmermann, gibt ein Fachwerkhaus in Zeil, das Dr. Gutbier nach Archivunterlagen eindeutig als Wohnhaus des Zimmermanns definiert hat. Es handelt sich um das Hertleins-Haus (Gaststätte "Zur Stadt Zeil"), das auf seinem Torbogen eine Inschrift trägt: "16 Gerg Hofmann 86". Das mundartliche "Gerg" (eine Form für Johann Georg, "Jörg") weist den Weg in die Richtung Erlangen/Forchheim, wo das zeilerische "Jörg" sich verwandelt in "Gerg"; in der Bamberger Gegend hingegen verändert sich "Jörg" mundartlich in "Görg". Bei dieser Annahme der Herkunft handelt es sich jedoch noch um reine Vermutungen, wie Heinrich Weisel betont.

 

Vermutungen, in denen Weisel von anderer Seite bestärkt wird: Sein Nachbar in Zeil, Alois Umlauf, widmet sich seit über zehn Jahren dem handwerklichen Schaffen des Zimmermanns Jörg Hofmann. Er verfügt mittlerweile über eine umfangreiche Foto-Dokumentation von Fachwerkhäusern, die Vergleiche erlaubt. In seinen Studien bekam Umlauf das deutliche Gefühl, daß sich der "hölzerne" Jörg im Fachwerkaufbau seiner Häuser orientiert am Forchheimer Rathaus. Das, so meint Weisel, würde passen, denn Jörg Hofmann könnte als bambergischer Soldat in der damaligen Garnison in Forchheim stationiert gewesen sein.

 

Nur Vermutungen gibt es hinsichtlich der Fratzen und Gesichter, die Jörg Hofmann in seinen Schnitzereien so berühmt machten: Diese Schnitzereien sind in der hiesigen Gegend nämlich unüblich. Jörg Hofmann könnte sie, stammte er aus dem Forchheimer Raum, vor seiner Zeit als Soldat bereits als Geselle auf der beruflichen Wanderschaft z. B. im Harz, Westerwald oder im hessischen Bergland kennengelernt haben, wo sie gang und gäbe sind; oder aber er könnte sie gesehen haben in seiner Militärzeit als Dragoner. Die bambergischen Truppen nahmen, da Bamberg und Würzburg Mitglieder des Fränkischen Reichskreises waren, als Söldner am Krieg gegen Ludwig XIV 1678/79 teil. Jedem Regiment gehörten zwei Zimmerleute an "...umb Pallisaden umzuhauen, die Thore zu eröffnen, die Wege zu räumen und die Brücken auszubessern". Nach dem Frieden von Nijmwegen 1679 wurden große Teile der Bamberger Truppen entlassen, und darunter war wohl auch Jörg Hofmann.

 

Alois Umlauf meint ferner, daß das Zeiler Schnitzhaus Hofmanns Erstling gewesen ist, denn die Arbeiten sind anfängerhaft ausgeführt im Vergleich mit den Bauten in Burgkunstadt und Scheßlitz. Dies würde auch von der zeitlichen Reihenfolge her passen.

 

Wegen der unbekannten Herkunft des Zimmermanns müssen viele entscheidende Fragen offenbleiben. Fakten, von der Wiege bis zur Bahre, gibt es nur über den Steinhauer aus dem Frankenwald: Zweimal Jörg Hofmann, die frühere Forscher irrig als ein und dieselbe Person bezeichneten. Die falsche Spur legte Karl Sitzmann (Kulmbach) und sie findet sich weiter bei Georg Will (Burgkunstadt) und Hilmar Gareis (Bamberg).

 

Heinrich Weisel hofft heute, wenn er auf seinen "hölzernen" und seinen "steinernen" Hofmann blickt, daß vielleicht doch einmal in nächster Zukunft mit diesen Irrtümern aufgeräumt wird.

 

 

1997 Copyright by Brigitte Krause FT/ Heinrich Weisel, Zeil.