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Johann Patlei - Ein fremder Name geistert durch die Bücher.

 

Der Zeiler Heimatforscher Heinrich Weisel macht auf Ungereimtheiten in der Forschung aufmerksam - Interessantes Beispiel.

Ein ortsansässiger, einfacher Heimatforscher kann ortsfremden Wissenschaftlern durchaus etwas voraushaben. Das wird sinngemäß auf jeder Tagung der Heimatpfleger - so auch 1996 in Rügheim - unterstrichen. Der Zeiler Heinrich Weisel kann dies mit einem interessanten Beispiel belegen. Der FT unterhielt sich mit dem engagierten Heimatforscher.

Seit 1988 beschäftigt er sich mit Familienforschung; seiner Liebe zu verstaubten Kirchenbüchern und Archiven kann Heinrich Weisel aber erst seit seiner Pensionierung vor gut zwei Jahren so richtig frönen. So informiert er sich häufig in Fachliteratur und Fachzeitungen und besuchte auch schon eine Tagung der Heimatpfleger Ober- und Unterfrankens im Rügheimer Schüttbau (der FT berichtete im Frühjahr). Die wichtige Rolle der ortsansässigen Heimatforscher, oftmals mit Flurbenennungen und Familiennamen bestens vertraut, wurde bei diesen Fachzusammenkünften schon des öfteren betont.

Sochermaßen ermutigt, sah sich Weisel, der sein Hauptaugenmerk eigentlich auf die Zeiler Steinhauer richtet, aufmerksam und kritisch um. Und da fiel ihm etwas auf. Nämlich Ungereimtheiten und Irrtümer, die sich, einmal in die Fachliteratur "hineinzementiert", über Jahrzehnte hinweg halten. Ein gravierendes Beispiel findet sich in Zeil. Aufmerksam darauf wurde Weisel durch die Lektüre der Chronik der alteingesessenen Familie Pottler, die ihm der Zeiler Stadtchronist Ludwig Leisentritt überließ.

Zum Sachverhalt: Der Kirchturm der Zeiler Pfarrkirche enthält eine Besonderheit. Während es üblich ist, in die Kirchenglocken einen Sinnspruch einzugießen, hat man hier auf der großen Glocke zusätzlich eine außergewöhnliche Inschrift angebracht. Im Jahre 1648, am Ende des Dreißigjährigen Krieges gegossen, wurden auf dieser 36 Zentner schweren Friedensglocke die Namen aller damals wichtigen Zeiler Amtspersonen vermerkt. Aufgelistet sind der Zeiler Pfarrherr, der Amtmann, der Kastner, der Schultheiß, die Heiligenpfleger (Kirchenverwalter), ja sogar der Stadtschreiber und die Ratsherren.

In seiner Chronik belegte der frühere Postamtmann Anton Pottler den Weg seiner Familie über die Generationen hinweg von 1594 bis 1800. Er findet in den Zeiler Ratsunterlagen auch einen Vorfahren, der im 17. Jahrhundert Ratsherr war, den "Johann Potler".

Damals war die Rechtschreibung noch nicht vereinheitlicht; Stadtschreiber und Protokollführer schrieben häufig dem Gehör nach, und dabei floß oft die Mundart in das Niedergeschriebene ein. Hinweise, um sich heute zurechtzufinden, liefern Namenszusätze, häufig in Latein abgefaßt, die sich auf den Beruf oder den Familienstand des Betreffenden beziehen.

Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, so fand Anton Pottler nach eingehendem Quellenstudium heraus, handelt es sich bei "Johann Potler" um einen seiner Vorfahren, dessen Name in die Glocke eingegossen wurde. Doch davon findet sich nichts in der einschlägigen Literatur, nicht einmal in der Zeiler Chronik.

Das hat wohl ein Fehler von Professor Heinrich Weber verhindert, der 1887/88 ein Standardwerk unter dem Titel "Zur Geschichte der Glockeninschriften aus dem Bamberger Land" veröffentlichte.

Auch der Professor hatte den Zeiler Kirchturm erklommen und die Namen auf der großen Glocke studiert. War es dunkel, oder hatte der Experte seine Brille vergessen? Denn es passierte ihm ganz offensichtlich ein Lesefehler: Denn statt "Johann Potler" entzifferte er "Johann Patlei", einen Namen, der weder in amtlichen Zeiler Unterlagen auftaucht, noch in den Zeiler Kirchenbüchern, in denen immerhin das gesamte Leben der Einwohner durch Geburts-, Heirats- und Sterbedaten erscheint.

"Jeder mit der Heimatgeschichte Vertraute in Zeil weiß, daß so ein Familienname auch in Ähnlichkeiten in Zeil nicht existiert", unterstreicht Heinrich Weisel. Bereits vor Jahrzehnten monierte Familienchronist Anton Pottler, wie unverständlich es ist, daß der Name "Patlei" sogar in die Zeiler Stadtchronik übernommen worden ist.

Selbst der aus Zeil gebürtige Geistliche und heimatgeschichtlich interessierte Professor Engelhard Eisentraut hatte schon vor langer Zeit die hiesigen Kirchenbücher nach "Patlei" durchforscht, doch nichts gefunden. Alle Quellen weisen vielmehr darauf hin, daß es sich bei dem damaligen Ratsherrn richtig um "Johann Potler" handelt. Warum auch immer, so ein Fehler wird leider immer und immer wieder übernommen, meint Weisel. Bei Johann Potler "geht das nun schon seit 1887 so zu".

 

1997 Copyright by Brigitte Krause FT/Heinrich Weisel, Zeil