Make your own free website on Tripod.com


 

Dialekt - wieder modern

Aus dem VHS-Vortrag "Zeiler Dialekt" von Ludwig Leisentritt

 Einleitung

 Dialektsterben

 Beispiel: Hest - gest

 Nivellierung zwischen Dialekt und Hochsprache

 Hochsprache

 Zeiler Beispiele

 Dialekt als Ausdruck der Identität

 Dialektunterschiede auf engstem Raum

 Kann der Dialekt bewahrt werden?

 Dialektpflege in der Schule ?

Einleitung

Zur fränkischen Dialektgruppe rechnet man die Mundart um Bayreuth ebenso wie das Gebiet um Nürnberg, das Main- und Rheinfränkische, das Neckar- und Moselfränkische, das Pfälzerische, ja sogar das Luxemburgerische. Wenn man nach der Beliebtheit verschiedener deutscher Dialekte fragt, wird man die Sprache der Wiener an der Spitze finden. An letzter Stelle übrigens das Sächsische von Leipzig.

 

Beliebtheit deutscher Dialekte nach einer Repräsentativumfrage:

Ort

Beliebtheitsgrad

Wien

19 %

Hamburg

18 %

Köln

16 %

München

15 %

Berlin

13 %

Stuttgart

9 %

Frankfurt

8 %

Leipzig

2 %

 

Die Abgrenzung in Unterfranken

 

Die Mundart in Unterfranken kann man in vier Mundarten unterteilen:

  1. der fränkisch-würzburgische Dialekt, der in vielen Abweichungen hauptsächlich im zentralen Unterfranken und im südlichen Bereich gesprochen wird: im Grabfeld, Schweinfurt, Gerolzhofen, Haßfurt, Ochsenfurt, Würzburg, bis nach Homburg.
  2. Der Bamberger Dialekt, der in Ostunterfranken gesprochen wird: im östlichen Steigerwald, im Lauter-, Baunach- und Itzgrund, bei uns von Stettfeld bis Zeil und bedingt bis Knetzgau.
  3. Der Rhöner Dialekt, der sich im Brückenauer Bereich schon der Fuldaer Mundart nähert. Die Rhöner Mundart weicht am meisten vom Hochdeutschen ab, kann aber noch von fast allen Fremden verstanden werden.
  4. Der Aschaffenburger Dialekt, der den Übergang zur hessischen Mundart darstellt.

 

Was ist Dialekt?

Nach dem Brockhaus: Eine "örtlich bedingte Sprachform innerhalb einer Sprachgemeinschaft". Das Wort Mundart ist seit 1640 bekannt. Dialekt ist ortsgebunden, eine einheimische Sprache: Bambergerisch, Würzburgerisch, Sanderisch, Zeilerisch. Es gibt also viele Möglichkeiten, Deutsch zu sprechen; eine davon ist, zeilerisch zu reden. Unsere Zeiler Mundart gehört zur großen Sprachgemeinschaft des fränkischen Raumes.

Aber wir Franken haben ein Minderwertigkeitsgefühl unserer Sprache gegenüber. Während im Schwäbischen und Altbayerischen der jeweilige Dialekt Verkehrssprache ist, gibt es bei uns nur neuerdings erste Anzeichen und Ansätze, nicht zuletzt seit es neben dem Sender Nürnberg auch die Welle Mainfranken in Würzburg gibt. Gerade auf diesem Sender hört man nun fast täglich fränkische Laute. Wer genau hinhört, bemerkt auch Zeiler Akzente (Schellenberger). Herr Krebs aus Oberschleichach, ein bekannter Mundartpfleger und Dichter, hat des öfteren über den Rundfunk Vorträge im fränkischen Dialekt verbreitet.

Bislang aber haben wir Franken versucht, unseren fränkischen Zungenschlag abzutöten und vor dem oberbayerischen und schwäbischen Dialekt zu kapitulieren. Gerade die Altbayern haben ein ganz anderes Sprachbewu0tsein dem Dialekt gegenüber. König Ludwig II. hat übrigens auch Dialekt gesprochen. Ein ähnliches Sprachbewu0tsein hat neben Österreich vor allem die Schweiz. Das "Schwitzerdeutsch" ist dort Verkehrssprache. In Zürich ist es nicht ungewöhnlich, wenn auch ein intellektueller Vortrag in Schwitzerdeutsch gehalten wird. Die Schweiz hat dieses Schweizerdeutsch nicht zuletzt als Abgrenzung gegen das ehemalige Nazi-Deutschland zur Verkehrssprache erhoben.

Kehren wir in unsere Gefilde zurück. Im nahen Bamberg gibt es eine beträchtliche Anzahl von Mundartdichtern. Ich nenne nur Krischker und Morper.

Bei uns gibt es zwei bekannte Mundartdichter. Da ist einmal Nikolaus Mölter, der zwar in Zeil geboren ist, aber dann später die Haßfurter Sprache besungen hat. Von ihm gibt es unzählige Gedichte. Ob da immer reines Haßfurterisch mitschwingt, ist zu bezweifeln. Eigentlich verlernt man seine Mundart nicht. Reines Haßfurterisch spricht und schreibt dagegen Heinz Werb. Seine Gedichte sind auch für einen Zeiler ein Genuß. Bekannt für Zeiler Mundartgedichte ist Frau Mathilde Geisel. Ihre bekanntesten Gedichte sind "Mei Zeil, es it doch schö" und das Gedicht "Zeiler Deutsch" das später abgedruckt wird.

 

Seit es Mundarten gibt, hört man die Klage, bald werden keine Dialekte mehr zu hören sein - deshalb gelte es, schnell noch zu sammeln und zu registrieren, was dem Untergang geweiht ist. Besonders heute hört man solche Klagen. Früher, das heißt bis vor wenigen Jahrzehnten, konnte ein Bauer oder ein einfacher Landbewohner in allen ihn wirklich betreffenden Lebenslagen mit dem Dialekt auskommen. Heute gerät jeder in Situationen, in denen der Dialekt nicht mehr ausreicht. Die Massenmedien, das Fernsehen, haben die Kommunikation weiträumiger gemacht. Hinzu kommen die jüngeren Erscheinungen des Massentourismus und die wachsende berufliche Mobilität (Orts- und Arbeitsplatzwechsel) in der modernen Gesellschaft. Erwähnt werden muß dabei auch die lawinenartige Wanderbewegung nach dem letzten Krieg, deren Ausmaß nur mit den großen in der entgegengesetzten Richtung verlaufenen Wanderungen des Mittelalters (Völkerwanderung) verglichen werden kann. Dadurch ist ein Sprachgeschehen in Gang gesetzt worden, das in wenigen Jahrzehnten nivelliert, einebnet, woran Jahrhunderte geformt haben. Was haben wir allein in Zeil für eine Vielfalt an Zugewanderten und Zugezogenen: Mährisch-, Trübauer-, Sudetendeutsche, Schlesier, Böhmerwäldler, Ungarndeutsche, und viele andere. Aber die Minderheit paßt sich fast immer der Mehrheit an. Man kann sagen: Der riesige Schmelztiegel Deutschland läßt sich verkleinert auf Zeil übertragen. Der "Urzeiler" ist schon längst eine Minderheit in Zeil. Ein Blick ins Telefonbuch wird alle Zweifel beseitigen. Vor 60 Jahren hatte Zeil 2.093 Einwohner. Bei der damaligen Volksbefragung wurde unterschieden nach Bürgern, die bayerische Staatsangehörige sind und Bürgern aus dem übrigen Reich sowie Ausländer. Zeil hatte damals 2.037 bayerische Staatsangehörige, 45 übrige Reichsangehörige und 6 Ausländer. Die 45 übrigen Reichsangehörigen (Reingeschmeckte hie6en sie damals) waren 1/4 der Nichtbayern des gesamten damaligen Bezirksamtes Haßfurt, insgesamt 184 (31 Ausländer). Ziegelanger zählte 295 bayerische Staatsangehörige und 1 Reichsdeutschen; in Schmachtenberg waren alle 222 Bürger und in Krum alle 388 Bürger bayerische Staatsangehörige. Der hohe Anteil Nichtbayern in Zeil lag an der Ansiedlung der Weberei in Zeil, die ja der erste Industriebetrieb im gesamten Bezirksamt war (1892). Es gibt eine Aufzeichung des ehemaligen Webmeisters Ebert, wonach in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg zahlreiche Auswärtige nach Zeil zogen, um in der Weberei zu arbeiten, so aus Böhmen, Österreich und der Slowakei. Die Volksbefragung hat seinerzeit nach dem Familienstand gefragt: ledig, verheiratet, geschieden. Die Zahl jener die in Scheidung lebten, war minimal. In den heutigen Ortsteilen niemand und in Zeil nur 1 Bürger - vielleicht sogar ein Zugezogener! Im gesamten Bezirksamt Haßfurt waren von 30.600 Einwohnern insgesamt nur 15 geschieden. Unter den vielen Ostdeutschen sprechen heute nur noch die ganz Alten ihren angestammten Dialekt. In der Weberei war einmal ein Saalmeister Heger beschäftigt. Immer wenn ein bestimmter Kollege über die Stränge gehauen hatte, hat dieser Saalmeister geschimpft: "Olle Toge geht das niet." Solche Laute waren damals häufig zu hören, heute dagegen viel seltener. Die mittlere Generation der aus ihrer Heimat Vertriebenen und erst recht die Jungen haben ihren ostdeutschen Dialekt größtenteils abgelegt. Sie sprechen die Umgangssprache ihrer neuen Heimat Zeil. Dies trifft ja bekannterma0en auch für Gastarbeiterkinder zu, die - sofern in Zeil geboren - Zeilerisch reden. Neuerdings erleben wir das auch an unseren Zeiler Vietnamesen-Kindern. Die sprachliche Anpassung der nach Zeil Zugewanderten hatte sehr greifbare soziale Gründe: Man wollte in der neuen Heimat nicht durch einen fremden Zungenschlag auffallen, um keine Benachteiligung zu haben. Das gleiche trifft auch für Zugeheiratete oder Zugewanderte aus der nächsten Umgebung zu. Auf die Dauer wird jemand aus Haßfurt zumeist seinen Dialekt dem seines Wohnortes angleichen. Aus Mee wird dann eben Maa, und aus Stee Staa. Umgekehrt findet man aber auch das Phänomen, da8 Zeiler, die in Schweinfurt arbeiten, sich der Schweinfurter Mundart anpassen. Früher war die Sprache von Auswärtigen bei einer Tanzmusik auf der Kerwa bereits Anlaß, eine Rauferei in Gang zu setzen. Mancher Dialekt ist einem sympathisch, mancher aber ruft auch Aversionen und Aggressionen hervor. Nicht nur am Tonfall und an Eigenheiten der Aussprache erkennt man den "Auswärtigen", sondern auch am unterschiedlichen Wortgebrauch. Hest - gest, als hüben und drüben, ist für die Sander Mundart ein Beispiel. Mei Vooder, mei Mooder desgleichen. Die Hänselei wegen solcher Idiome ist heute nicht mehr so gravierend, weil auch der Dialekt schon ziemlich durch die Umgangssprache ersetzt wird.

 

 

Hüben - drüben / hest - gest

Das "diesseits - jenseits" im Ostfränkischen ist 1934 durch einen Fragebogen erforscht worden. Gleichmä0ig verteilt ist die wohl gängigste Bezeichnung hüben - drüben. In Kraisdorf spielen alle Jahre zwei Fußballmannschaften aus dem Ort. Nämlich Hübendorf gegen Drübendorf. Auf der Karte werden wir sicher mit Recht die Wortpaare etwas altertümlich finden. Hest - gest ist vor allem im zentralen Unterfranken, zwischen Rothenburg und Ochsenfurt und im Frankenwald anzutreffen. Bei uns kennen wir hesta - gesta von Sand her. Dies belegt auch die Karte (unterhalb von Haßfurt). Die Bezeichnungen sind sprachlich schwer zu erklären. Es gibt aber im Mittelhochdeutschen und Neuhochdeutschen verwandte Formen. Aus dem Rahmen fällt hier der Raum um Mellrichstadt, wo es das "haschta - gaschta" gibt. Die älteren Mitbürger aus Mährisch-Trübau kennen noch die Redewendung "geh neiter - komm reiber", was geh nüber, komm rüber bedeuten soll.

 

3karte.gif

Diese Karte zeigt die vielfältigen Bezeichnungen für "diesseits - jenseits" bzw. hüben - drüben. Hest - gest wird bei uns vor allem in Sand, besonders häufig aber auch zwischen Ochsenfurt und Scheinfeld gebraucht.

 Es galt als eine allgemeine gruppenpsychologische Erscheinung, daß nur der als zugehörig akzeptiert wurde, der die gleiche Sprache sprach. Wer das nicht konnte oder wollte gab sich damit als Fremder, als Außenseiter (von der Gruppe her gesehen) zu erkennen. Eine solche Andersartigkeit ist früher häufiger als heute zum Brennpunkt geworden, an dem sich Aggressionen entzündeten (ein Preuße im Münchner Hofbräuhaus). Wir sind heutzutage toleranter geworden, indem man erkannt hat, daß die eigene Art, sich auszudrücken, nur eine von vielen Möglichkeiten ist und auch nicht "an sich" schon besser ist als irgendeine andere. Oft war es halt so, da6 z. B. ein Haßfurter meinte, der Zeiler Dialekt sei eher bäuerisch, und der Haßfurter städtisch. Das Verhältnis der Zeiler zu Haßfurt war bekanntlich lange Zeit getrübt. Der Spottname "Schnüdel" ist noch in Erinnerung. Da gibt es eine lustige Geschichte in bezug auf die Einschätzung der eigenen und fremden Mundart: Ein sächsisches Ehepaar besucht zum ersten Mal ein bayerisches Bauerntheater und ist tief beein- druckt. Als die beiden nach der Vorstellung zum Hotel zurückgehen, meint die Frau plötzlich "is eischendlich schaade, das mir geen Dialegt ham". Es gibt einen klassischen Spruch aus der Antike, der lautet: "Sprich, damit ich dich sehe." Dieser Spruch hat einen tiefen Hintergrund. Wer heute im Urlaub weit weg von seiner Heimatstadt ist, wird deutsche Urlauber ohne große Mühe landsmännisch einzuordnen wissen. Man kann leicht das Fränkisch heraushören. Wer etwas Kenntnisse auf dem Gebiet des Dialekts hat, wird Nürnbergerisch, Bambergerisch, Würzburgerisch und Schweinfurterisch auseinanderhalten können. Übrigens bedient sich die Kriminalpolizei bei ihrer Spürarbeit der feinnuancierten Sprachunterschiede. Sobald die Polizei ein anonymes Telefongespräch auf Tonband mitschneiden kann, hat sie sehr bald herausgefunden, welcher Landsmann der Anrufer ist. Eine ganze Reihe von Straftätern wurde so überführt. Ein 1977 in England vor Gericht stehender Massenmörder hat sich durch seinen Dialekteinschlag verraten. Man kann seine Muttersprache kaum verlernen. Auch wer viele Jahre in Amerika oder sonstwo in der Welt lebt, wird wieder seinen Dialekt sprechen können: Ob er es will, steht auf einem anderen Blatt. Für die Ausprägung des individuellen Dialekts ist vor allem der Aufenthalt während der Schulzeit maßgebend. Ein späterer Umgang in einem anderen Milieu führt kaum mehr dazu, daß alle Eigenheiten der angestammten Mundart abgelegt werden. Goethe sagte einmal sehr treffend: "Der Bär brummt nach der Höhle, aus der er kommt." Goethe, der Klassiker der Literatur, hat übrigens wie Schiller sehr ausgeprägt Dialekt gesprochen. Der eine Frankfurterisch, der andere Schwäbisch. Es wäre sicher amüsant, wenn es ein Tondokument von den beiden gäbe.

 

Die Nivellierung und Einebnung der Sprachunterschiede schreitet unaufhörlich voran. Dazu hat neben der gesellschaftlichen Entwicklung vor allem die moderne Technik und Industrie beigetragen. So sind viele handwerkliche Berufe völlig ausgestorben. Mit Ihnen verschwanden auch zahlreiche Tätigkeits-, Werkzeug- und Produktbezeichnungen. Neue Erwerbszweige, Produktionsarten und Erzeugnisse traten an ihre Stelle. Was damit an neuen Wörtern geschaffen wurde, verbreitet sich von Flensburg bis Berchtesgaden zumeist ohne landschaftliche Differenzierungen aus. Die Werbung trägt ein übriges dazu bei, den Wortschatz zu vereinheitlichen. Sie wendet sich an Menschen in den verschiedensten Sprachlandschaften. Lediglich auf Regionalkanälen des Rundfunks und des Fernsehens, wird der heimische Dialekt gepflegt. Für ein Produkt, das die Zeiler schlicht als Dutschen bezeichnen, gibt es in den deutschen Landen die verschiedensten Bezeichnungen: Reibekuchen (Köln), Kartoffelpuffer (Berlin), Reiberdatschi (München), ferner Elitscher, Rauchemat, Getzen usw.

Manche Definition für bestimmte Gegenstände oder Kleidungsstücke unserer Groß- und Urgroßeltern wüßten wir kaum mehr richtig vorzunehmen:

Kalter (Schrank )

Vertiko (Schrank mit Aufsatz )

Göller (Sweater)

Gschpenzter (kurzer, enganliegender Rock)

Gesthintri (Gehrock, Frack)

 

Der Fladerwisch wird heute durch den Staubsauger ersetzt. Das Boowadderschhäusla kennen jüngere Zeiler nicht mehr und die Bookerng, die Bezeichnung für die Empore in der Stadtpfarrkirche, ist auch nicht mehr vielen geläufig. Der landwirtschaftliche Wortschatz ist heute ein anderer als früher. Viele Geräte und Arbeitsgänge sind nur noch den ältesten Mundartsprechern bekannt. Den Nichtlandwirten zumeist schon gar nicht mehr.

Gemäng (Gemisch aus Roggen und Weizen )

a Garm Gartschtn (eine Garbe Gerste)

Sühn (Abfall beim Dreschen)

Faserli (Bohnen )

Benet ( Spinat)

Gepförschla ( ungeratener Gemüsekopf )

Gradsn (Henkelkorb)

 

Eine auffallende Vielfalt von Dialektwörtern gibt es bei den Tiernamen:

Andn Ente

Adrischn Eidechse

Bädsä Schaf, Lamm

Buiser Käfer

Babala Hühnchen

Bibbn Truthahn

Gageragg Elster

Gagerads Elster

Gaas Ziege

Hebberla Ziege

Gögäla Hähnchen

Hanka Pferd (Kindersprache)

Haandser Kater

Hunga Henne

Hödsch Kröte

Mindsäla Katze (Mieze)

Sächammäsen Ameisen

Schmaasmuggn Schmeißmücke

Suggäla Sau

Wiggä Ente

Wiewäla jung. Gänschen

Ziebela Küken

(Ausführlicher behandelt im Zeiler Wörterbuch)

Eine mundartliche Besonderheit stellt die in Zeil gebräuchliche Wendung "Gugachsn" für Flieder dar. Doch dieses Wort ist nicht allein nur auf Zeil beschränkt. Diese eigenartige Bezeichnung kommt im fränkischen Raum noch einigemale vor. Unter insgesamt 1500 Belegen gibt es sie allerdings nur in folgenden Orten: Gunzenhausen, Zell am Main, Dittelbrunn, Sommerach, Escherndorf, Nordheim, Zeil, Ziegelanger und Steinbach. Der Ausdruck Gugachsn ist also relativ selten. Woher er sich ableitet, ist nur zu vermuten. Es gibt einige Orte, wo man für Flieder auch Kuckucksblume sagt. Andererseits tritt in Franken vereinzelt die Bezeichnung Gugachsn für Kuckuck in Erscheinung. Es scheint also einen engen Zusammenhang zwischen Kuckuck und Flieder zu geben. Am häufigsten und am verbreitetsten wird im fränkischen Raum jedoch das Wort Holler gebraucht, wie das Schaubild deutlich macht.

Die Bezeichnung für Holunder in den Mundarten des ehemaligen deutschen Sprachgebiets.

Im Raum Schweinfurt und Bad Kissingeü taucht die Bezeichnung Engellieber oder Paradeis auf. Ähnlich dem Gewächs Jelänger-Jelieber findet man auch die Bezeichnung Länger-lieber für Flieder.

Noch einmal: Hinsichtlich des Wortes Gugachsn ist Zeil eine Sprachinsel innerhalb des Deutschen Wortatlasses. Der führt diese Bezeichnung überhaupt nicht auf.

 

Unser Wortschatz pendelt sich auf einen gemeinsamen Nenner ein, was nicht heißen muß, daß der Dialekt verschwindet. Auch wir übernehmen bestimmte Ausdrücke anderer Sprachräume. Adenauer hat das Wort "bingelich" populär gemacht. Mancher hat schon zuweilen das Wort "Kappes" gebraucht, das Kohl bedeutet und im Kölnischen beheimatet ist. Wenn einer blödes Zeug redet, sagt man, das ist "Kappes" (Kohl), daher kommt auch die Redewendung, der "verkohlt" uns. Das alles, durch moderne Kommunikation hervorgerufen, bewirkt eine Erweiterung des aktiven (nämlich selbst verwendeten) und des passiven (nämlich des nicht selbst verwendeten - aber verstandenen) Wortschatzes. Das trägt zur innerdeutschen Vereinheitlichung bei, indem landschaftliche Eigentümlichkeiten sich entweder über das ganze Sprachgebiet ausbreiten oder allmählich durch allgemein gebräuchliche Ausdrücke ersetzt und verdrängt werden. Die meisten unter uns sprechen eigentlich schon keinen reinen Dialekt mehr. Es ist im Grunde eine Mischung aus Mundart und Hochsprache. Man bezeichnet dies auch als Umgangssprache. Die Stufen sind:

Mundart - Halbmundart - Umgangssprache - Hochsprache.

Übrigens: am reinsten wird die Hochsprache in Hannover gesprochen. Die Mundart ist historisch echt - nur von Bauern gesprochen - räumlich begrenzt, familiär: Der Bergbauer in Oberbayern, in Tirol. Die Halbmundart ist schon etwas abgewandelt, sie hat schon einen etwas größeren Kommunikations- oder Aktionsradius. Ein Beispiel: Im Gespräch mit dem Herrn Regierungspräsidenten würde man - wenn man etwas nicht verstanden hat - sagen: "Was haben sie gesagt?" Dem Herrn Landrat gegenüber könnte das schon etwa lauten: "Was ham sie gsacht?" Der Arbeitskollege oder Ehepartner müssen sich vermutlich mit "hä?" begnügen. Zwischen der Hochsprache und Mundart gibt es viele Übergangsschichten, die als Umgangsprache bezeichnet werden. Reinen Dialekt sprechen nach einer älteren Umfrage vor allem Bauern 83 %, gefolgt von Arbeitern 61 %, Selbständigen 49 %, Beamten und Angestellten 47 %. Frauen sprechen weniger perfekt Dialekt als Männer. Andererseits sprechen Frauen, wenn sie Dialekt reden, unverfälschter als Männer. Sie erziehen die Kinder und lehren sie sprechen, daher Muttersprache. Das Hochdeutsch verbindet uns alle. Aber Hochdeutsch ist keine Kraftsprache, da ist die Vitalität abgesahnt und es fehlt der Sinn für das Herzhaft-Derbe. Fluche mal einer mit dem Duden in der Hand.

 

Wenn man über die Leute redet, die Neuigkeiten durchhecheln - wenn mä a weng waaft - sagt man zur Entschuldigung "Mä red' halt bloß". Der Zeiler braucht "a weng a Ansprach", er will plaudern - "dischkäriern". Wenn einer zuviel red' - dann sagte man früher gemeinhin - sag mer's fei, wenn i waafn tu; "Weckwaafn" - das heißt beim Bäcker waafn. Ist das Mundwerkzeug nicht mehr zu bremsen, so spricht man von kappln, schnäbbern, räbern, schendn, ratschn, belfern, keifn, gägern, babbeln, waafn und schwafln. Wenn jemand etwas ins Ohr flüstert, dann spricht man vom "fischbärn". Ist einer zornig, dann ist er baasich, zeigt sich jemand hartnäckig, so heißt das zeilerisch "beiheftich". "Verzwodsln" tut man, wenn man über einem so Unbelehrbaren verzweifeln könnte. Wer etwas ausgeplaudert hat, an die große Glocke hängt, hat etwas "australascht". Kinder die ungeduldig drängen, die "dribiliern", "gwäsdern" oder "gnöchn". Beim Dratschn erregt man sich zumeist, und oft wird auch mit den Händen "herumfacherierd", das heißt herumgefuchtelt oder auch er "sibäsrierd", was schon veraltet ist. Hat man jemanden die Meinung zu sagen, dann nennt man das "aam die Gröbsn runderholn". Zweifelt jemand über die Behauptung eines Gesprächspartners, dann "strandlt" er. Und "lurn" tut der, welcher sehr aufmerksam zuhört und dem Gespräch lauscht. Es gibt auch Leute, die nur zuhören und "net bibb und net babb" sagen. Oder aber er "red und dörrt nix". Lacht jemand schadenfroh über eines andern Torheit oder Mi6geschick, dann nennt man das auch "pfropfern". Ein etwas veralteter Ausdruck (aus dem Österreichischen) ist kaum mehr im Gebrauch: Ist einer in einer schwierigen Situation, dann ist er "bitschiert", was soviel wie angeschmiert bedeutet. Vor bestimmten Leuten hat man Respekt, da hat man dann "Ragatt". Eine unangenehme Verwandtschaft nennt der Zeiler oftmals "Schlaisn". Und wenn jemand in die gutsituierte Verwandtschaft eingeheiratet hat, dann hört man auch mal, der oder die hat sich "neigepflatschert", das heißt ins gemachte Bett gelegt.

Eine Reihe Dialektwörter entstammen fremden Sprachen.

Dialektwörter mit jüdischem Ursprung:

schofel gemein

Schmus Geschwätz

Schlamassel Mi8geschick

malochen schwer arbeiten

machula bankrott

Ischka Frau

 

Besonders die Französelei war einmal sehr modern in den deutschen Herzog- und Bistümern und anderen Kleinstaaten. Wie gebannt blickte man nach Frankreich und kopierte französische Sitten und Mode. Die Hugenottenkriege brachten viele französische Einwanderer niederer Stände. Und der Drei0igjährige Krieg mit seiner fremden Soldadeska sorgte dafür, daß das "Alamode-Wesen" breiten Fuß fassen konnte, nicht nur bei den Oberschichten, sondern auch bei den einfachen Leuten. Wörter wie vis-a-vis (wisawi) und Parablü sind ja heute noch geläufig.

Wörter mit französischem Ursprung:

ästemiern beachten

badu unter allen Umständen

Bagaasch Pack, Gesindel

blümerant flau, unwohl, übel

Bodschambä Nachttopf

bussiern flirten

Diftlä Bastler (difficil)

Parablü Schirm

 

Jeder liebt seine Sprache, seinen Dialekt, denn er ist - nach Johann Wolfgang von Goethe "das Element, aus welchem die Seele ihren Atem schöpft".

Die Mundart wurzelt tief in der heimischen Er- de, sie ist Ausdruck der Heimat selbst. Es ist daher kein Wunder, wenn es überall Mundartgedichte gibt, wie "Mei Ha0fert", "Mei Bamberch", aber auch "Mei Zeil".

Mei Zeil, es ist doch schö!

Es geit bestimmt auf dara Walt manch Platzla, wus an gfällt. Mir gfällts am bestn doch in Zeil, möcht gsag ihr, was der wöllt.

Betracht ner uner schöne Lag' direkt am Bargabhang, gäht mer auf Seitn zun Städtla naus, doa läuft der Maa entlang.

Und steigst da gor die Schlafbarg nauf, wennst dom stehst auf der Höh; doa liegt des Zeil so zwischn drin, dar Oblick it racht schö.

In unera Wälder ko mer doch gleich taglang rümspazier, und Landschaftsbilder geits doa öft, die mügt mer photographier.

Wennst nintern Setzbachbrünnla gähst, des is es reinst Idyll, doa kann mer sich schö ausgeruah, doa is so ruhig und still.

An Stadturm hömer a, ihr Leut, Zeil war a freia Stadt, es hat an Turm, a Mauer a, und a an Stadtgrabn gaht.

Und unner Zeiler Kapalla it weit und breit bekannt. Es stäht so schö am Barg doadom, guckt nei ins Frankenland.

Zu ihm sen alt und jung naufgstiegn, wenn sie a Leid gedrückt, die Mutter hat ka anzigs nu ohne an Trost furtgschickt.

Der Zeiler Kerchturm, leuchsenkrumm ragt dar zum Himmel nauf! Mir Zeiler sahn des gor nex mehr, uns fellt des gor net auf.

Gähst nei die Kerng, guckst nauf die Deck', betrachst da des Gemäld, doa siegst, da g des was Extres it, des wu an jeden gfällt.

Der Predigtstuhl, a schös Kunstwark, dar it fei ganz aus Holz, und wie schö it der örschter gschnitzt, auf den, da sen mir stolz.

Die Fachwarkhäuser sen a Schmuck fürs ganza Straßenbild, zum "schönsten Haus", hab ich scho gsahn, so mancher Fremmer schielt.

Gäht mer üms Städtla außenrüm, kümmt mer on Sea vorbei, des is a Bild, des mußt betracht im Abendsunnaschei.

So könnet' ich nu viel aufzehl vo meiner Heimatstadt, so manchen Vorzug, den blos die und fei ka onnera hat.

Und wenn sa sagn, es Zeil, es wär es Letzt vom ABC, so bleib ich auf mein Standpunkt stähn: Mei Zeil, es it doch schö!

Mathilde Geisel

Neue Mundartwörter entstehen nicht mehr. Ein Mähdrescher heißt eben Mähdrescher - auch bei einem oberbayerischen Bauern. Und der Fernseher heißt Fernseher, wenn man von Bezeichnungen wie Glotze usw. absieht, was ja nichts mit Mundart zu tun hat

 

Die Sprachunterschiede in unserer Heimat

Zeil, die frühere Enklave des Fürstbistums Bam- berg bildet die Sprachgrenze zum Würzburgeri- schen.

... aa a Aa

Was nützt dersch, wennst neis Ausland gehst,

ke Sprachn kast, ke Sau verstehst?

Wennst Hunger hast, wennst durschtich bist,

kurz, wennst net sach kast, wasda wisd?

Da brauchst gar net so weit zu gehn.

Ich wäß, wo sötta Grenzn sen.

Ihr kennt die Grenz scho alleweil:

Sie trennt die Haßferter vo Zeil.

So secht der Gimnasialbrofässer.

"Ich gläb, ihr Kinner wißt des besser.

Michl vo Haßfert - Schörsch vo Zeil,

ihr tut euch jetzt in Mundart keil!

Mer Unterschied is ziemlich klee.

's sen bloß zwä Buchstamm: a un e."

Un wie des der Brofässer secht,

da ham die zwä scho losgelecht:

"In Zeil is has" - "In Haßfert häß!"

"Mir höm a Gas" - "Mir ham a Gäß"

"Mir höm zwa Baa" - "Mir ham zwä Bee!"

"Mir höm en Maa" - "Mir ham en Mee!"

Da grinst der Schörsch - vo Zeil der Kla:

"Mir hörn am Maa a großa Aa!"

Da gehts den Schörschla fast nan Krachn.

Den Michl hats die Sprach verschlachn:

"Mach ke so Sprüch, sonst kriegstera!

Mir Haßferter ham aa a Aa!

Wart, euch vergehn noch euer Pflenz!

Ihr habts Finanzamt - Mir wölln kenns!"

Heinz Werb

Der Maa hört bei Augsfeld auf, dort beginnt der Mee. Kehl schreibt in seiner Chronik: "In Zeil liegt 'der Nebel auf dem Maa' in Haßfurt dagegen 'der Nabel auf dem Mee'." Wenn man die Bezeichnung Main nimmt, ergeben sich folgende Dialektunterschiede: Ein Münchner würde sagen "Moa". In Bamberg und in Zeil sagt man "Maa", von Haßfurt bis Würzburg "Mee" und in Knetzgau "Mäi". Doch der Landwehrgraben bei Augsfeld ist nicht die einzige Sprachgrenze. Die Sander und Knetzgauer fallen da besonders durch ihre Sprachverschiedenheit auf. Man kann fast sagen, diese beiden Orte bilden eine Sprachinsel.

Je mehr Isoglossen es zwischen zwei Orten bzw. Gebieten gibt, desto einschneidender ist die Sprachgrenze. Die beiden Dörfer Sand und Knetzgau waren einstmals "Hennebergerisch". Man muß aber auch andere Faktoren berücksichtigen: Die Sander und Knetzgauer haben bei ihren vielen Reisen (mit Körben - bzw. als Schiffer) bestimmte Dialekte aufgenommen. So sagen die Knetzgauer z. B. zu dreizehn (13) "dräzza".

Sand war jahrhundertelang abseits der Heeresstraße gelegen. Der Name Sand taucht z. B. im Index der Chronik von Haßfurt überhaupt nicht auf. Der Main war früher ein viel größeres Hindernis als er es heute ist. 1911 ist erst die Mainbrücke zwischen Zeil und Sand erbaut worden. Einer Verkehrsstraße entlang ziehen auch immer sprachliche Neuerungen und lassen verkehrsferne Gebiete abseits liegen.

  

Erheblichen Einfluß auf Dialektgrenzen bei uns hatten die langandauernden politischen und kirchlichen Obrigkeiten. Die Führungs- und Verwaltungsleute in Zeil waren doch zumeist aus Bamberg. Ob das der Schultheis, der Vogtherr oder der Kastner waren. Die mundartliche Zersplitterung ist Ausdruck der früheren feudalen Herrschaftsformen und der politischen und kirchlichen Aufteilung des Landes in zahllose kleine und kleinste Territorien. Zeil war und ist in einem Spannungsverhältnis. Mit Bamberg hat die Stadt eine jahrhundertealte historische Verbindung. Doch seit der Jahrhundertwende tendiert Zeil immer mehr nach Westen zum industrialisierten Schweinfurt, wo Würzburgerisch gesprochen wird. Man kann davon ausgehen, daß unser Dialekt dadurch eine Färbung erhält bzw. schon erhalten hat. Die Einebnung der Sprachunterschiede hängt auch damit zusammen. Die Pendler finden an ihrem Arbeitsplatz andere sprachliche Verhältnisse. Sie versuchen früher oder später, sich anzupassen. Da werden dann die heimatlichen Laute verdrängt. Eine Art Umgangssprache entwickelt sich. In der Dialektforschung gibt es die sogenannte "Steigerwaldschranke". Mit anderen Worten: auch Gebirge haben den Charakter von Sprachgrenzen. In bezug auf Sand und Knetzgau wurde bereits die berufliche Mobilität als Schiffer und Korbwarenhändler erwähnt. Für Sand gibt es noch einen weiteren Hinweis, der sicherlich nicht unbedeutsam ist. Man spricht häufig davon, daß die Sander französisches Blut in den Adern hätten; hervorgerufen durch französische Soldaten während des Napoleonischen Krieges. Das soll hier nur ohne Wertung erwähnt werden. Interessant ist die soziologische Beschreibung aus dem Jahre 1800 von Bundschuh in dem Buch "Die Mainufer": "Sand, bambergerisches Dorf im Amte Zeil. Es schwang sich durch Korbflechten so empor, daß es alle benachbarten Ortschaften an Wohlstand übertrifft. Ehedem war das Dorf Sand die Heimat von Müßiggängern und Bettlern." Daß dieser soziologische Aspekt den Sander Dialekt mit beeinflu6t hat, ist so unwahrscheinlich nicht.

Ganz heikel ist die Frage nach dem Verhältnis von Schreiben und Sprechen beim Dialekt. Kann man ihn, so wie er gesprochen wird, überhaupt schreiben? Klang und Melodie lassen sich mit den Buchstaben des Alphabets nicht darstellen, auch nicht mit Noten. Dafür heißt es ja im schönen Deutsch: Mundart - die also der Schriftsprache gegenübersteht. Man redet wie einem der "Schnabel gewachsen" ist und nicht etwa die Schreibfeder. Mundart lebt im gesprochenen, lebendigen Wort. Wesentliche Merkmale kann man mit Buchstaben nicht erfassen. Noch einmal: die Mundart ist eine gesprochene Sprache. In ihrer Melodie und in ihren Lauten liegt die Schönheit und Eigenart. Die Zeiler Mundart kennt keine harten Laute. Deshalb auch die etwas skurril anmutende Schreibweise, die am Bambergerischen angelehnt wurde. Im übrigen gilt der Hinweis, daß man bei Mundartprosa laut lesen sollte.

leemslaaf

gäboän

gädaafd

gäimbfd

gfirmd

gäraachd

gsuffn

gälibbd

ghaiäd

gädsoichd

gäärbäd

gäärbäd

un nunchmoll

gäärbäd

gschdorm

Krischker, Bamberg 

 

Die Tatsache, daß Mundart im Radio und Fernsehen, auf Schallplatten und in der Literatur in Mode ist, darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß sie allgemein zu verkümmern droht.

Der Mundartdichter Krischker aus Bamberg sieht mit Recht die alte Sprachsubstanz, ähnlich den Fundamenten schutzwürdiger Häuser, bröckeln und fordert seit Jahren einen "Mundartschutz" ähnlich dem Denkmalschutz. Die Mundart ist in der Tat ein Sprachdenkmal, das zu schützen und zu erhalten sich lohnt. Die alten Dialektwörter zu erhalten und zu dokumentieren ist eine wichtige kulturhistorische Aufgabe. Bestimmte Wörter, die nicht mehr leben können, krampfhaft zu erhalten oder zum Leben zu erwecken, ist allerdings keine Aufgabe der Sprachpflege.

Im Haßfurter Tagblatt gab es schon 1912 einen Aufruf der Bayerischen Akademie der Wissen- schaften. Es hieß damals im HT unter Haßfurt: "Die Akademie der Wissenschaften in München ist im Begriff, einen Wortschatz der bayerischen Mundarten zu sammeln und herauszugeben. Nach- dem die altbayerischen und schwäbischen Mundarten ausreichend berücksichtigt wurden, sollen auch die fränkischen Mundarten dargestellt werden. Die Akademie hat deshalb einen Aufruf erlassen, worin sie schreiben: "Wir brauchen Sammler, die mit Liebe zur Heimat, Sinn und Verständnis für das Volkstümliche verbinden, die Mundart selbst sprechen oder mindestens kennen. Männer und Frauen, die in der Lage sind, an den Orten, an den sie leben, den Wortschatz unmittelbar aus dem Volksmund zu schöpfen und nach einem bestimmten Plan zu verzeichnen."

 

Vorschlach zu "Nepomuk"

Laßt unnern alten Nepomuk,

vonn Winkler Haus nein Schulhof guck,

bestimmt werd na des Kinnergschrei,

so lieb wie des der Antn sei,

und sehnt'r si nach Baachgerausch,

dann soll'r nunter'n Keller lausch,

na werd'r sicher nex vermissen,

und wir Zeiler hamm a reins Gewissen.

(Die Stadtverwaltung würde sich freuen, wenn sich der Verfasser des originellen Mund- artgedichtes melden würde!)

Seit vielen Jahren gibt es ein Institut "Ostfränkisches Wörterbuch der Bayerischen Akademie der Wissenschaften" in Erlangen, deren Leiter Dr. Eberhard Wagner ist. Ein Bamberger übrigens. Er verfügt derzeit nur über ca. 600 Mitarbeiter in Franken. Früher waren es einmal 2000 bis 3000 gewesen. Nach der Gebietsreform haben zahlreiche Lehrer ihre Mitarbeit eingestellt. Die sogenannte Schulreform hatte ja zur Folge, daß die Schule wie wir sie von früher her kennen, aufgehört hat zu bestehen. Den Dorfschullehrer gibt es nicht mehr. Das Institut macht auch Tonbandaufnahmen, um die phonetische Ausdrucksweise der einzelnen , Dialekte festzuhalten. Es wäre ja reizvoll, wenn man bei einer Grundsteinlegung für ein Gebäude nicht nur Urkunden und Münzen, sondern auch Tonbänder - mit Dialekt besprochen - einmauern könnte. Aber diese würden sehr wahrscheinlich verderben. Wie die Zeiler, Haßfurter oder Sander in ein- oder zweihundert Jahren einmal sprechen werden, ist heute völlig ungewiß. Wir haben uns mit hoher Wahrscheinlichkeit auch von der Mundart der Zeiler im Dreißigjährigen Krieg entfernt. Die enorme Mobilität der Menschen läßt also den Schluß zu, daß sich die Dialekte immer mehr abschleifen werden. Sich anzupassen ist ein Wesenszug unserer modernen Zeit geworden.

 

Als der Deutsche Sprachatlas vor vielen Jahren vorbereitet worden ist, haben Sprachwissenschaftler an die Gemeinden Fragebögen mit der Aufforderung verschickt, die ältesten Einwohner in den Orten nach bestimmten Wörtern zu befragen.

Zwei Bürgermeister schickten damals die Fragebögen mit der Bemerkung zurück, eine Beantwortung sei ausgeschlossen, da die ältesten Einwohner des Dorfes vor kurzem verstorben seien. Dies war eine klassische Schildbürgerauskunft - die allerdings auch signalisierte: die alten Leute haben ihren Dialekt mit ins Grab genommen.

Im HT stand am 12. März 1981 ein Bericht über eine Tagung der Arbeitsgemeinschaft Fränkische Volksmusik mit der Überschrift: "Die heimische Mundart wieder schulfähig machen"." Mundart ist eine Bildungsbarriere" sagen die Schulleute und Bildungspolitiker. Wahrscheinlich haben sie recht. Stark dialektgeprägte Kinder werden beim Deutschunterricht in der Regel schlechter abschneiden als jene, in deren Familien mehr Hochdeutsch gesprochen wird, oder zumindest Umgangssprache. Eine Mundart aber, die den Kindern nicht mehr zu Hause im Elternhaus, sondern nur noch durch planmäßigen Unterricht aufgepfropft werden kann, hat ihren Sinn und ihr Lebensrecht bereits eingebüßt.

Die Mundart muß frei und natürlich wachsen wie Feld- und Wiesenblumen - sonst ist sie keine Mundart mehr. Ich habe Hoffnung, daß unser Zeiler Dialekt - nein, daß jeder Dialekt nicht mit den alten Leuten zu Grabe getragen wird.

  

Homepage